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Die Brücke der Solidarität
(Stand: 30.04.2021 / von Stefan Berger)

Das Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen ist seit seiner Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO im Dezember 2001 eine der ganz großen Erfolgsstories im seit Jahrzehnten vom Strukturwandel geprägten Ruhrgebiet. Bereits seit 2011 gibt es Pläne, aufbauend auf diesem Erfolg die einzigartige industriekulturelle Landschaft des Ruhrgebiets ebenfalls für ein UNESCO-Welterbe zu qualifizieren. Jetzt ruckelt es kräftig bei den Planungen, denn damit eben diese Industriekultur auf die deutsche Tentativliste kommt, müsste NRW den Vorschlag in der Kultursministerkonferenz machen, und die NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach hat angedeutet, dass sie dies nur tun wird, wenn alle Ruhrgebietskommunen einstimmig dieser Idee zustimmen. Einige dieser Kommunen, allen voran die SPD-geführte Stadt Bochum und die CDU-geführte Stadt Essen, haben nun angedeutet, dass sie dies nicht tun werden.

Der Oberbürgermeister von Bochum, Thomas Eiskirch (SPD), findet den Antrag ‚zu rückwärtsgewandt'. Roland Mitschke, Fraktionsvorsitzender der CDU im Ruhrparlament des Regionalverbands Ruhr, bringt im selben Tenor den Zukunftsstandort Ruhrgebiet und seine Fähigkeit zu innovativem Handeln gegen den Weltkulturerbeantrag in Stellung. Wer so argumentiert, sollte sich bewusst sein, dass es mit einer dichotomischen Gegenüberstellung von industriekultureller Vergangenheit und postindustrieller Zukunft im Ruhrgebiet so seine Tücken hat. In der Geschichtswissenschaft gibt es mittlerweile eine breite Forschung zu Zeitvorstellungen, die betont, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht wie auf einer Perlenschnur chronologisch aneinandergereiht sind, sondern dass es in jeder Gegenwart unterschiedliche Zeitregimes gibt, die jeweils auf anderen Verknüpfungen von Vergangenheiten und Zukünften beruhen.

Jedes Agieren in der Gegenwart ist immer abhängig davon, wie sich unterschiedliche Akteure in dieser Gegenwart im Hinblick auf konstruierte Vergangenheiten und als erstrebenswert erachtete Zukünfte aufstellen. Da unterschiedliche Akteure meist nicht dieselben Interessen haben, konstruieren sie unterschiedliche Vergangenheiten, um ihre jeweiligen Zukunftsvorstellungen zu legitimieren. Reinhart Koselleck hat in seinen Arbeiten schon früh auf die Vielzahl vergangener Zukunftsentwürfe verwiesen, die es, seiner Meinung nach, in der Geschichtswissenschaft wiederzuentdecken galt, um allzu teleologischen Vorstellungen von Geschichtsverläufen zu begegnen und der Geschichte ein größeres Maß an Kontingenz wiederzugeben.

Besonders sein Schüler Lucian Hölscher hat diese Idee zu einer eigenen Forschungsrichtung, der historischen Zukunftserforschung, weiterentwickelt. Gerade im Hinblick auf politische Zukunftsentwürfe, so Hölscher, sei auffällig, wie stark diese mit der spezifischen Konstruktion von Vergangenheiten verknüpft sind. Die meisten Forschungen zu historischen Zeitvorstellungen, auch die fundamentalen von Achim Landwehr, betonen, dass Zeit nicht etwas Lineares, nach vorne Schreitendes ist, bei dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft klar voneinander abgrenzbar wären. Die Menschen leben in jedem Moment mit vielfältigen, sich wandelnden und sich gegenseitig verbindenden und ineinander übergehenden Vergangenheits- und Zukunftsvorstellungen.

Diese unterschiedlichen Zeitvorstellungen sind häufig, wie Chris Lorenz und Berber Bevernage festgestellt haben, verbunden mit politischen Positionierungen in ganz unterschiedlichen Kontexten, in denen diese Zeitvorstellungen um die Hegemonie kämpfen. Genau das erleben wir im Moment in den an Fahrt aufnehmenden Debatten um das industrielle Erbe im Ruhrgebiet. Fakt ist, dass es nirgendwo sonst eine solch reichhaltige und verdichtete Industriekulturlandschaft gibt wie im Ruhrgebiet. Auch das ist durch die international vergleichende Forschung zu diesem Thema gut belegt. Wo, wenn nicht hier, sollte also eine Industriekulturlandschaft Weltkulturerbe werden?

Der Einwand, dass eine solche, mehr als hundert Standorte umfassende Bewerbung um ein Welterbe die Region dauerhaft in der Vergangenheit verorten und sie damit zukunftsunfähig machen würde, macht im Hinblick auf die oben dargelegten Forschungen zu Zeitlichkeitsvorstellungen keinen Sinn. Man mag darüber diskutieren, ob die Adelung als Welterbe solche Einschränkungen in der Planungshoheit von Städten und Kommunen bringt, dass man, wie die Stadt Dresden vor einigen Jahren, lieber auf den Welterbestatus verzichtet. Das liegt aber auf einer anderen Ebene als der Vorwurf, Industriekultur sei per se rückwärts gewandt. Sinnvoll dagegen wäre eine Debatte, mit welchen Zukunftsvorstellungen sich die Konstruktion von Vergangenheiten an industriekulturellen Stätten verbinden ließe. Produktiv ist dabei sicher eine offene Vielzahl an Zukunftsentwürfen, die gerne miteinander im politischen Wettstreit liegen dürfen.

Bei all solchen Entwürfen werden allerdings Vergangenheitspflege und Zukunftsgestaltung sich wechselseitig bedingen. Ein gleichzeitiges Leben in verschiedenen Zeitebenen wird auch im Ruhrgebiet notwendiger- und sinnvollerweise immer stattfinden. Welche dieser Entwürfe und Ebenen man dann will oder nicht, ist wiederum eine genuin politische Frage, die auch nur politisch beantwortet werden kann. Dass sich das Ruhrgebiet überhaupt für einen Welterbeantrag auf so herausragende Weise empfiehlt, beruht ganz maßgeblich darauf, dass hier seit den 1970er Jahren eine industriekulturelle Landschaft entstanden ist, die vor allem die im internationalen Vergleich großen Erfolge des Ruhrgebiets bei der Bewältigung des Strukturwandels feiert. Denn im Gegensatz zum 'rust belt' der USA und den ehemaligen Industrielandschaften meiner langjährigen Wahlheimat Großbritannien gab es im Ruhrgebiet keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch mit desolaten sozialen und kulturellen Folgeerscheinungen.

Solidarisches Verhalten und das Zusammenwirken der Konfliktpartner Gewerkschaften, Arbeitgeber und Staat waren zentral, um aus der schwerindustriellen Ballungsregion in jahrzehntelangen Prozessen eine Region zu machen, die zwar nicht zu den Boomregionen Deutschlands zählt, die aber durchaus optimistisch und hoffnungsfroh in die Zukunft schauen kann, was man vom Norden Englands oder von Youngstown, Ohio, nicht behaupten kann. Das Modell der Sozialpartnerschaft und des Rheinischen Kapitalismus haben sich gerade im Ruhrgebiet auch als ein Zukunftsmodell bewährt. Bei der erfolgreichen Bewältigung des Strukturwandels kommt dem Ruhrgebiet eine internationale Modellfunktion mit enormer Ausstrahlungskraft zu.

Aber die Verbindung der Region mit solidarischem Verhalten in der Vergangenheit zeigt sich nicht nur im Strukturwandel. Viele der Ankerpunkte der Route der Industriekultur im Revier verbinden sich mit Zechen und Stahlwerken, und die Arbeiter hier waren untereinander immer wieder in paradigmatischer Weise solidarisch und verstanden es, die Solidarität ihrer Nachbarschaften zu mobilisieren. Bergarbeiter waren qua ihrer Arbeit unter Tage sozusagen zu Solidarität untereinander ‚verdammt'. Aber auch ihre Unterstützung für einen sozialverträglichen Ausstieg aus der Steinkohle, der z. T. nur durch Kampfbereitschaft und Solidaritätsaktionen erreicht wurde - Stichwort: schwarze Fahnen über der Ruhr -, zeigen, wie wichtig Solidarität für den Weg der Region in der Vergangenheit war.

Duisburg-Rheinhausen und der Kampf der Stahlarbeiter, der zum Kampf einer ganzen Stadt und einer ganzen Region wurde, ist ein weiteres hervorragendes Beispiel für die besondere Bedeutung des Wertes der Solidarität für das Ruhrgebiet. Bis heute fährt man bei Duisburg-Rheinhausen über die ‚Brücke der Solidarität' über den Rhein. Die Industriekultur als Ausdruck einer schwerindustriellen Vergangenheit des Ruhrgebiets ist von daher angereichert mit Zukunftsvorstellungen. Die Pflege des industriellen Erbes verhindert nicht die Ansiedlung neuer Wirtschaftsunternehmen und -zweige, sondern sie schafft die Rahmenbedingungen dafür.

In einer Region mit einem starken kollektiven Regionalbewusstsein setzen sich die Menschen nicht nur nachhaltiger für ‚ihre' Region ein, sondern von außen Kommende siedeln sich hier gerne in dem Bewusstsein an, ein Teil von eingespielten Regeln, Routinen und Werten zu werden, die wirtschaftliches Wachstum fördern und kulturelle Rahmenbedingungen für den Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft setzen. Erinnerung an Altes und Gestaltung von Neuem gehen Hand in Hand.

Die Werte und Ideen der industriekulturellen Vergangenheit, allen voran die Werte der Solidarität und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, sind auch die Werte, mit denen es gilt, die Zukunft des Reviers zu gestalten. Sie gehen weit über Parteipolitik hinaus und finden Unterstützer in allen Fraktionen des Ruhrparlaments. Den Oberhäuptern der SPD-geführten Stadt Bochum und der CDU-geführten Stadt Essen sollte, ebenso wie dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion im RVR-Parlament, bewusst sein, dass gerade über die Vergangenheit Zukunft gestaltet werden kann. Die Weltkulturerbebewerbung bietet eine einmalige Chance, Zukunft zu gestalten und sich Zukunftshorizonte zu erarbeiten. Sie sollte nicht leichtfertig verspielt werden.

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